„Mama meldet sich zu Wort“

„Mama meldet sich zu Wort“

Bald ist Dein erster Geburtstag, kleine Irma!
Vor einem Jahr bist du zu uns gekommen.
Ich möchte erzählen was damals passiert ist. Es geistert mir ständig im Kopf herum und ich möchte es in eine Schachtel mit der Aufschrift „Wertvolle Erinnerungen“ legen. Irgendwie abschließen.

Die Wehen kommen Abends, als ich Amon ins Bett bringe, einen Tag nach dem errechneten Termin. Ich weiß es sofort, es geht los und die kleine Irma wird diese Nacht auf die Welt kommen. Große Freude steigt in mir auf. Ich erzähle Amon davon das er Morgen früh ein großer Bruder ist, weil die Irma bald kommt. Er freut sich und schläft ein. Nach zwei Stunden werden die Wehen immer stärker und kommen in kurzen Abständen. Wir rufen die Oma an, damit sie kommen und auf Amon aufpassen kann. Mein Mann ist entspannt und freut sich ebenfalls sehr, es geht los. Wir verabschieden uns. Wir kommen im Krankenhaus an. Es wird ein CTG gemacht, ja die Wehen sind gut und regelmäßig erkennbar aber der Muttermund ist nur bei einem Zentimeter. Die Hebamme meint wir sollen spazieren gehen. “Ich gehe hier nirgendwo mehr hin.”, sage ich, “Ich bekomme jetzt mein Kind!”. Sie ist nicht begeistert. „Ich will in die Wanne“, sage ich. „Das lohnt sich noch nicht.“, sagt die Hebamme. Sie macht es dann trotzdem. Nach einer Stunde baden werden die Wehen für mich fast unerträglich. Ich denke, dass Irma bald da ist. Doch die Hebamme misst nur 2-3 cm. Ich will aus der Wanne raus, ich halte die Schmerzen nicht mehr aus. Schmerzen, unglaubliche Schmerzen.
Dauerhaft, kein aufbauen und kein abflachen. Todesängste steigen in mir auf. Die Hebamme veranlasst einen Meptit-tropf. Den legt die Oberärztin. Nach 20 Minuten misst die Hebamme 10 cm Muttermund. Sie ruft wieder die Ärztin an, das Kind kommt. Doch mich zerreißt es in diesem Moment. Die Ärztin ist da, ich soll pressen, Irmas Kopf ist schon zu sehen. Ich denke ich sterbe.
Ich hoffe ich habe es gleich geschafft. Doch dann passiert es, Panik bricht aus. Nicht bei mir, ich war schon panisch, nein, bei den Hebammen und der Ärztin. Plötzlich ist Irmas Kopf nicht mehr zu sehen, mein Becken ist leer. Notkaiserschnitt. Keine kindlichen Herztöne mehr. „Atmen Sie Frau Hahn, ihr Kind stirbt!“, sagt die Hebamme auf dem Weg in den OP. Plötzlich spüre ich keine Bewegungen mehr im Bauch. Ich weiß es, mein Kind ist tot. Ich denke, ich sterbe auch, dann wirkt die Narkose. Ich wache auf. Mein Bauch brennt. Die Ärztin steht vor mir. Sie erzählt etwas von Uterusruptur und dabei will ich nur wissen, was mit meiner kleinen süßen Irma ist. Sie soll in ein anderes Krankenhaus, ohne mich, es muss schnell gehen. Irma konnte reanimiert werden aber was mit ihr mal wird, kann keiner sagen. Behindert vielleicht, wenn sie überlebt. Wahrscheinlich schwerst Behindert. Ein Schock. Mich überrollen meine Gedanken und Gefühle. Und doch denke ich nur an Irma, ich brauche eine Milchpumpe.

Ich liebe dich, meine Prinzessin, du bist perfekt so wie du bist.

Deine Mama

Maria Hahn

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1 Comment

  1. Ihr Lieben
    Es ist eine wirklich gelungene Seite und ich bin froh, wenn auch nur aus der Ferne, Euch begleiten zu können.
    Mir kullern hier ein paar Tränchen, denn es berührt mich sehr die ganze Geschichte einmal genau aus Eurer Erinnerung zu erfahren.
    Ich kann sehr gut nachempfinden wie es Dir geht Maria, ich war selbst schon das ein oder andere Mal ganz nah dran am Schwarz.
    Ich wünsche Euch Kraft und Zuversicht und unterstütze Euch gern. Wir sind eine Familie, wenn auch nicht blutsverwandt, aber Familie bedeutet mir viel und Zusammenhalt und Unterstützung, wirst Du von uns immer erfahren!
    Ich drücke Euch bis ganz bald, Renate und die Rasselbande.

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